Interview mit A.S. King

»Please don’t hate me« ist Ihr erstes Buch auf dem deutschen Jugendliteraturmarkt. Worum geht es in dem Buch?

»Please don’t hate me« handelt von einem Mädchen, das versucht, den Ruf ihres toten (ex-)besten Freundes wieder herzustellen. Es handelt von einem Jungen, der sich für einen Loser hält und in falsche Gesellschaft gerät. Es handelt davon, dass wir wichtige Dinge ignorieren, die wir aber nicht ignorieren sollten. Es handelt vom Pizza-Ausliefern, Alkoholismus und von einer leuchtend roten Pagode, die sich ihre eigenen Gedanken zum Geschehen macht. Aber hauptsächlich geht es um Vera Dietz, die sich mit viel zu vielen Geheimnissen herumkämpfen muss.

Charlie und Vera scheinen wie geschaffen für einander. Was läuft da schief?

Charlie und Vera würden ein tolles Paar abgeben, aber in Charlies Innerem läuft alles schief. Von Kindheit an fühlt er sich wegen seiner familiären Umstände schlecht, vor allem, weil er daran nichts ändern kann. Als er älter wird, beginnt er Fehler zu machen, für die er sich schämt und die ihn zu immer mehr Dummheiten verleiten. Obwohl er Vera liebt, weiß er auch, dass er nicht gut genug für sie ist, und trifft Entscheidungen, die die beiden auseinander bringen. Zum Glück ist Vera klug genug zu wissen, dass sie – egal wie sehr sie Charlie liebt – ihrem Herzen nicht folgen kann, weil er sich ständig nur Ärger einhandelt und sie ihm dabei nicht mehr helfen kann.

Was mögen Sie an Vera? Hat sie Eigenschaften, die Sie selbst gern hätten?

Vera ist eine pragmatische 18-Jährige. Ich war auch eine pragmatische 18-Jährige. Wir denken sehr oft auf ähnliche Weise und teilen uns denselben Sinn für Humor. Wir mögen beide Stiefel und Jeans. Außerdem vermeiden wir beide den sozialen Umgang mit Personen in unserem Alter. Ich mag Vera. Ich wünschte, sie wäre weniger ängstlich und würde schon eher mit der Wahrheit herausrücken. Aber ich weiß, warum sie glaubt, dass sie das nicht kann.

Genau wie Vera haben Sie auch schon als Pizzabotin gearbeitet. Enthält das Buch noch mehr autobiographische Elemente?

Nicht wirklich. Kein Teil des Buches war in irgendeiner Weise autobiografisch gedacht. Nichtsdestotrotz haben Vera und ich ein paar Dinge gemeinsam.

Dinge, die Vera und ich gemeinsam haben: Ich habe ab der High School bis zu meinem College-Abschluss lange als Pizzabotin gearbeitet. Ich bin einmal auf den Kopf gefallen und hatte eine fürchterliche Gehirnerschütterung. Ich liebe Funk aus den 70ern und R&B Musik. Ich finde Arbeitspläne und Listen klasse.

Dinge, die ich NICHT mit Vera gemeinsam habe: Alles andere im Buch. Vor allem würde ich niemals trinken und danach Auto fahren. Niemals. Meine Eltern sind seit 50 Jahren glücklich verheiratet. Ich konnte meine große Liebe heiraten. Obwohl wir uns vor 24 Jahren als Teenager getroffen haben, sind wir immer noch zusammen. Außerdem bin ich nie zur Pagode gegangen, um dort mit jemanden rumzumachen.

Warum mag Vera Fremdwörter eigentlich so gerne?

Ich denke, sie mag diese Wörter, weil sie gerne Neues lernt – und ... ihren Vokabelunterricht liebt? Nein, das war ironisch gemeint. Ihr ganzes Leben lang wurde ihr gesagt, sie solle ruhig sein und sich nicht um alles Mögliche kümmern. Neue Wörter zu lernen, mit denen man kommuniziert, kann ein interessanter Anhaltspunkt sein, wenn man sich eigentlich stumm fühlt.

»Please ignore Vera Dietz« ist nicht nur eine berührende Liebesgeschichte, sondern auch eine knallharte Milieustudie. Was ist das für eine Umgebung, in der Vera aufwächst und wie geht sie damit um?

Es geht dabei um unsere Gesellschaft im Ganzen und wie wir dazu tendieren, eine Menge alltäglicher Sachen zu ignorieren. Die meisten Menschen in der westlichen Welt sind mittlerweile sehr eigenständig, sie sind oft abgelenkt von dem, was sie im Fernsehen und Internet mitbekommen. Während jemand in der Nachbarschaft leidet, schenken wir unsere Aufmerksamkeit eher Figuren aus Fernsehsendungen und Filmen oder Neuigkeiten über Prominente. Vera ist ein Spiegelbild dieser Gesellschaft. Obwohl sie weiß, dass es falsch ist, was im Haus ihres besten Freundes geschieht, wird sie von ihren Eltern angehalten, es zu ignorieren und sich aus dem Ärger herauszuhalten. Das Stillschweigen wird demnach als der sicherste Weg interpretiert. Ich empfinde dieses Missverständnis in unserer Gesellschaft, dass Schweigen sicher sei, als gefährlich.

Die Pagode, der Lieblingstreffpunkt von Charly und Vera, kommentiert witzigerweise das Geschehen. Würde die Geschichte weitergehen, was würde die Pagode hoffentlich als nächstes von Vera erzählen?

Wusstet ihr, dass es die Pagode wirklich gibt? Sie befindet sich auf einem Hügel in meiner Heimatstadt Reading, Pennsylvania.
Hier ist ein Bild (Foto: Matt Smith):

Ich finde die Sichtweise der Pagode ziemlich witzig. Sie sitzt dort oben auf dem Berg und kann sich nicht bewegen und muss zusehen, wie eine Generation nach der nächsten ein und dieselben Fehler macht. Sie tut mir ein bisschen leid!

Würde sie in Zukunft über Vera Dietz berichten, würde sie sagen, dass es ihr gut geht. Vera hat sich an ihren Plan gehalten und ist aufs Community College gegangen, sie hat herausgefunden, was sie machen will, und ist schließlich über den Verlust von Charlie hinweggekommen.

Toll an Ihrem Buch sind die zynischen und skurrilen Momente. Sind Sie selbst eine zynische oder sarkastische Person?

Ich bin eine ewige Optimistin. Also: Nein, ich bin nicht zynisch. Überhaupt nicht. Ich mache die meisten Zyniker verrückt mit meiner positiven Sicht auf das Leben. Die Pagode ist zynisch. Und Vera ist sarkastisch. Ich habe einen eher trockenen Humor, der liegt in der Familie. Wenn wir uns bei mir zu Hause unterhalten, dann oft sarkastisch. In der Hinsicht ticke ich also wie Vera. Für manche komme ich wahrscheinlich etwas wunderlich rüber.

Sie sind in den USA aufgewachsen, haben eine Zeit lang in Irland gelebt und sind kürzlich wieder zurück in die USA gezogen. Hat Irland Sie verändert?

Ich habe fast mein gesamtes Leben als Erwachsene in Irland verbracht. Es hat mich sicherlich in jeder Hinsicht verändert. Ich habe dort angefangen, Romane zu schreiben und in der Erwachsenenbildung zu lehren, dort habe ich in einer völlig anderen Kultur ziemlich selbstgenügsam gelebt. Es war eine ganz wunderbare Zeit in meinem Leben.

Was hilft Ihnen, wenn Sie wirklich schlecht gelaunt sind?

Musik, meine Familie. Anderen eine Freude machen.

Was brauchen Sie zum Schreiben – Ordnung oder kreatives Chaos?

Eine gute Mischung aus beidem! Wenn ich an neuen Sachen schreibe, ist mein Schreibtisch ein großer, irrwitzig chaotischer Haufen. Aber trotzdem muss ich mich disziplinieren und jeden Tag ein paar Stunden effektiv arbeiten. Ich habe Kinder und einen Job, da kann ich nicht so regelmäßig schreiben, wie ich möchte. Aber selbst wenn ich erst am Abend dazu komme, mich an meinen Schreibtisch zu setzen, mache ich das trotzdem, sonst bekomme ich schlechte Laune.

Was reizt Sie daran, für Jugendliche zu schreiben?

Anfangs habe ich für Erwachsene geschrieben und mein Stil hat sich nicht sonderlich geändert, seit ich für Jugendliche schreibe. Ich genieße die Aufgeschlossenheit der Teenager. Sie akzeptieren abenteuerliche Wendungen und phantastischen Realismus in den Geschichten viel eher als skeptische Erwachsene, die darüber vielleicht spotten würden. Es ist dieser Spott, den ich als Erwachsene zu meiden versuche. Oftmals werden Jugendliche als dumme Personen gesehen, die auf der Welt sind, um uns zu nerven. Ich versuche mich immer an mein Teenager-Ich zu erinnern – und das hatte es satt, wenn Leute überheblich mit ihm geredet haben. Ich schreibe also nicht explizit für Teenager, sondern ich erzähle Geschichten, wie ich sie für Erwachsene erzählen würde. Und bis jetzt verstehen die Jugendlichen sie nicht nur, sondern wissen sie auch zu schätzen.

Einer der Vorteile bei Jugendbüchern ist, dass Jugendliche so enthusiastisch sind, wenn es um Bücher geht, die sie zu neuen kreativen Orten entführen. Ich bekomme großartige Briefe von Lesern, die erzählen, wie erfrischend sie es fanden, mal etwas ganz anderes zu lesen.

Sie sind sehr aktiv in den sozialen Netzwerken. Hat diese unmittelbare Kommunikation mit der Leserschaft Einfluss auf ihre Texte?

Normalerweise gehe ich (abgesehen von Emails) nicht online, während ich an einem Buch schreibe, auch wenn es schwierig für mich ist, weil es mir mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangen ist. Ich brauche dafür etwa zehn Minuten täglich und in diesen zehn Minuten kann ich sehen, was Hunderte von Leuten auf der ganzen Welt gerade machen. Ich bin ein Computer-Freak seit den späten 70ern, diese Art der Interaktion wäre für mich als Kind ein wunderbarer Tagtraum gewesen!
Ein weiterer Traum wäre übrigens Teleportation. Beam me up!


Die amerikanische Autorin A.S.King